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Jay Acunzo spricht über unkonventionelles Denken

Jay Acunzo spricht über unkonventionelles Denken

Veröffentlicht von Forrest Dylan Bryant am 02 Oktober 2017

Veröffentlicht von Forrest Dylan Bryant am 02 Oktober 2017

Wie kann man sein volles Potenzial in der Arbeit entfalten? Jay Acunzo, ein preisgekrönter Podcaster und dynamischer Keynote-Speaker, hat eine überraschende Antwort: Intuition.

Bevor Acunzo den beliebten Podcast Unthinkable gründete, war er als Digital Media Strategist bei Google tätig und arbeitete anschließend als Leiter des Bereichs Content bei HubSpot. Aber Acunzo merkte bald, dass ihn diese von vielen angestrebte Laufbahn nicht glücklich machte und er nicht der Richtige für den Job war. Diese Erkenntnis war der Auslöser dafür, sich mit Intuition und unkonventionellem Denken zu beschäftigen.

In unserem Gespräch erklärt Acunzo, warum Intuition so wichtig ist, um zufrieden und glücklich zu sein. Jeder von uns macht unterschiedliche Erfahrungen und hat ganz individuelle Sichtweisen, daher ist die Norm nicht immer der richtige Weg für alle. Es geht aber nicht darum, seinem Bauchgefühl oder einer Muse zu folgen. Vielmehr spielt unsere Selbstwahrnehmung eine Rolle dabei, uns selbst zu motivieren und mehr zu erreichen. Es stehen unendlich viele Tools zur Verfügung, mit deren Hilfe wir herausfinden können, welche Richtung für uns erfüllend und sinnvoll ist. Daher sollte man intuitiv agieren und unkonventionell denken, um ans Ziel zu kommen.


Ein großer Teil deiner Arbeit dreht sich rund um das Konzept der Intuition. Wie definierst du den Begriff?

Als Fähigkeit, schneller ans Ziel zu kommen.

Es gibt verschiedene Definitionen für den Begriff „Intuition“ und es mag überraschend scheinen, von wem sie stammen. Albert Einstein ist nicht wirklich jemand, den man mit Intuition in Verbindung bringen würde. Es gibt ein Zitat – es ist nicht wirklich klar, ob es von ihm stammt oder nicht –, in dem Intuition als die Systematik definiert wird, die hinter dem äußeren Anschein steckt.

Malcolm Gladwell nennt es „Schnellwahrnehmung“. Meine Frau ist Psychologin und in der Forschung tätig. Sie hat mich auf Gary Klein und Gerd Gigerenzer aufmerksam gemacht. Die beiden untersuchen derzeit ähnliche Theorien zur Entscheidungsfindung. Sie erforschen unterbewusste Gedankengänge, die in der Welt der Psychologie auch „Priming“ genannt werden.

„INTUITION IST DIE FÄHIGKEIT, SCHNELLER ANS ZIEL ZU KOMMEN.“

Ich habe Englische Literaturwissenschaften studiert, daher wollte ich meinen Ansatz nicht verkomplizieren. Wenn man sich den Wortstamm von „Intuition“ ansieht, erkennt man, dass das Wort vom lateinischen „intuere“ kommt, was so viel wie „ansehen“ oder „betrachten“ heißt. Ich sehe Intuition also als die Fähigkeit, das Wissen in unserem Inneren zu erkennen. In diesem Zeitalter, in dem man an jeder Ecke Ratschläge zu hören bekommt, es überall von Experten nur so wimmelt und man besonders im Geschäftsleben mit so viel Informationen bombardiert wird, ist es schwieriger denn je, einen eigenen Gedanken zu fassen. Wenn wir unsere Intuition als Möglichkeit genau dafür sehen und als Chance, dies mit der Zeit immer schneller zu machen, können wir eine unglaublich wichtige Rolle in unserem Unternehmen spielen und unsere Karriere beflügeln. Daher sage ich immer, dass Intuition die Fähigkeit ist, schneller erfolgreich zu sein.

Wenn die Selbstwahrnehmung eine so wichtige Rolle spielt, wo würdest du uns raten, anzusetzen? Vor allem im beruflichen Bereich konzentrieren wir uns ja gerne auf das Externe, auf die Dinge, die uns vorgelegt werden, auf die Grenzen unserer Stelle und die festgelegten Aufgaben unserer Rolle.

Ich denke, es geht darum, sich nicht so sehr auf die Antworten anderer zu konzentrieren, sondern sich selbst die richtigen Fragen zu stellen. Für mich steht Intuition genau dafür. Und da kommen wir wieder zur lateinischen Herkunft des Worts. Wie erkennt man das Wissen, dass wir in unserem Inneren haben, wie setzt man dieses Wissen in den eigenen Kontext und grenzt es von allgemeinen Ratschlägen ab?

Man muss sich die richtigen Fragen stellen, um das herauszufinden. Das war auch der Grund, warum ich meinen Podcast Unthinkable ins Leben rief. Von außen betrachtet erreichen manche Leute unglaubliche Dinge im beruflichen Bereich, aber wenn sie dann davon erzählen, erkennt man, dass sie die Situationen analysieren und vor allem auf den eigenen Kontext achten. Sie stellen die richtigen Fragen an ihre Umwelt, ihre Kunden, an sich selbst und an ihre Ressourcen. Ihre Schritte sind dann einfach die logische Konsequenz, die man auch selbst ziehen würde. Der Unterschied liegt darin, dass diese Personen etwas wissen, was uns verborgen bleibt. Und als Außenstehender kann man dieses Wissen nur schwer erkennen. Wie gesagt glaube ich, dass unsere Gesellschaft eine Rolle spielt, da wir Fragen schnell beantwortet haben möchten. Wir suchen nach einfachen Lösungen, nach den Abkürzungen, Tipps und Tricks. Von dieser Mentalität muss man sich entfernen, die Dinge selbst infrage stellen und sich auf den eigenen Kontext konzentrieren.

Du hast zu Beginn erwähnt, dass sich Ziele dadurch auch schneller erreichen lassen. Wo siehst du die Verbindung zwischen Intuition und dieser Beschleunigung?

Was verstehen wir in der Regel unter Intuition? Eine Art mystische Muse oder ein Bauchgefühl? Das klingt einfacher als es ist, denn das Denken übernehmen wir ja doch selbst. Der Bauch denkt nicht für uns. Und es gibt definitiv keine externe Muse, die uns bei unserer Geburt oder bei der Entscheidungsfindung die Lösung präsentiert. Hoffentlich können wir uns darauf einigen, dass uns diese Ideen in den Kopf schießen, aber wir diese Gedanken selbst produzieren.

Konventionelle Denkansätze sehe ich als eine Art Anleitung. Dabei sind unsere Gedanken linear angeordnet, bei der Intuition handelt sich aber vielmehr um eine exponentielle Kurve.

Kannst du dich an die Formel für die Berechnung der Steigung einer Geraden erinnern? Es sind lediglich zwei beliebige Punkte auf der Geraden notwendig, um herauszufinden, wie die Linie vor und nach diesen Punkten aussieht. Genau darum geht es: um eine lineare Steigung. Das kann man mit den Geheimtipps unserer Lieblingsexperten vergleichen. Wenn man den Ratschlägen folgt, erreicht man sein Ziel. Das ist für viele Menschen ganz einfach zugänglich, da sie wissen wo der Ausgangspunkt und wo das Ziel liegt.

„KONVENTIONELLE DENKANSÄTZE SIND EINE ART ANLEITUNG. DABEI SIND UNSERE GEDANKEN LINEAR ANGEORDNET, DIE INTUITION IST ABER VIELMEHR EINE EXPONENTIELLE KURVE.“

Wenn wir uns nun die Intuition, das eigenständige Denken und die eigenen Ideen ansehen, die nicht einem klassischen Muster folgen, erkennen wir eine exponentielle Kurve. Und die Berechnung ist in diesem Fall viel komplexer. Anders gesagt: Man braucht keine zwei Punkte auf einer Geraden. Ich würde einen Doktortitel in Mathematik brauchen und als jemand, der Englische Literaturwissenschaft studiert hat, ist wahrscheinlich auch eine Flasche Bourbon notwendig. Es ist nur schwer zu verstehen, wenn man nicht sieht, woher das Ganze kommt und wohin es einen bringen wird.

Ich habe einfach ein Gefühl. Ich weiß es einfach. Nicht wahr? Es ist einfach so, dass wir das Denken übernehmen, aber es wirklich schnell geschieht. Dies lässt sich damit begründen, dass du wahrscheinlich der Typ von Mensch bist, der sich im Laufe seines Lebens langsam aber stetig Fragen stellt, Antworten findet und Ideen einbringt. Zu Beginn ist man wahrscheinlich nicht sehr gut darin und braucht seine Zeit. Man muss sich da noch selbst die Frage stellen „Ok. Ich habe diese Frage. Was ist die Antwort darauf?“.

Wenn das der Ausgangspunkt ist und man dies immer häufiger einsetzt, wird man mit der Zeit richtig schnell darin. Man kommt im Handumdrehen zu einer Schlussfolgerung und das Ganze entwickelt sich in Form einer exponentiellen Kurve. Das ist die Fähigkeit, schneller ans Ziel zu kommen.

Was ist falsch daran, bewährte Abläufe aufzunehmen und einzusetzen? Wenn jemand erfolgreich ist, hat derjenige bestimmt etwas richtig gemacht. Warum siehst du das als ein Problem?

Ich glaube nicht, dass es falsch ist, sich konventionellen Vorgehensweisen auszusetzen, sie zu erforschen und dann zu absorbieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Ansatz neu oder schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Da ist nichts Falsches daran. Problematisch finde ich es, wenn wir an diesem Punkt stehen bleiben und den Experten und Trends blind folgen, die es heutzutage mehr denn je gibt. Wir sehen ihre Antworten als endgültig an und erkennen nicht, was sie eigentlich sind. Optionen, die wir überprüfen müssen. Wir geraten ins Stocken oder erkennen einfach unser volles Potenzial nicht.

Ich sehe das so: Du arbeitest für Evernote, ich habe für Google und alle möglichen Technologieunternehmen gearbeitet. Uns gefällt dieses Zeitalter der Information, in dem wir leben, weil es einfach mehr Optionen und Möglichkeiten gibt. Was immer du willst, ist möglich. Das ist toll, aber es gibt auch Schattenseiten. Wie ich vorher schon kurz erwähnt habe, ist dieser Überfluss an Ratschlägen die negative Seite. Da wir so rasch Ideen und Antworten von anderen erhalten können, passiert es, dass wir diese Elemente dann für unsere Arbeit einsetzen. Dadurch wird alles verallgemeinert.

Ein perfektes Beispiel aus meiner Welt des Content Marketing: Wenn in einer groß angelegten Studie einer Technologiefirma behauptet wird, dass 15 Uhr der beste Zeitpunkt für Tweets ist, was passiert dann? Das ist dann bestimmt bald nicht mehr der beste Zeitpunkt.

Eine Idee zu haben oder Erkenntnisse zu gewinnen, ist aber nur ein Teil der Gleichung. Der andere ist, herauszufinden, ob die Idee die Mühe wert ist. Wie entscheidest du, ob du einen Ansatz verfolgst? Welche Abläufe oder Kriterien setzt du ein?

Alle meine Gäste im Podcast stellen sich im Grunde zu Beginn zwei Fragen, die ihnen dabei helfen zu entscheiden, ob eine Idee verfolgt werden sollte. Der erste Punkt ist die Selbstwahrnehmung. Beim zweiten geht es um die Wahrnehmung des Zielpublikums. Es spielen also die Person eine Rolle, die die Arbeit macht, und die Person, für die die Arbeit gemacht wird.

Die Frage für einen selbst ist: Was dient mir als Anker, um mich nicht von meiner Aspiration zu entfernen? Diese Frage agiert als eine Art Filter für alle diese Ratschläge, die man von anderen erhält, und für alle diese Ideen, die einen in den Kopf schießen. Denn Aspiration ist eine einfache Kombination aus zwei sehr wichtigen Elementen: der Vorsatz für die Zukunft und das Streben nach etwas, das auf eine Art von Unzufriedenheit aufbaut.

Ich nenne das den „Aspirationsanker“. Wenn man diese Selbstwahrnehmung erzielt hat, kann man sich die nächste Frage stellen, in der es um die Zielgruppe geht. „Was ist meine Haupterkenntnis zu dieser Gruppe?“. Das ist eine ganz allgemeine Aussage und eine nur schwer zu fassende Erkenntnis über die Personen, die man ansprechen möchte. Man muss sich Gedanken machen und sich immer wieder nach dem Warum fragen, um zu einem Ergebnis zu kommen.

„ASPIRATION IST EINE EINFACHE KOMBINATION AUS ZWEI SEHR WICHTIGEN ELEMENTEN: DER VORSATZ FÜR DIE ZUKUNFT UND DAS STREBEN NACH ETWAS ANDEREM.“

Ich habe ein super Beispiel eines unglaublichen Unternehmens, das bestimmt vielen Evernote-Nutzern und Zuhörern gefallen wird. Das Unternehmen heißt Death Wish Coffee, also so viel wie „Todeswunschkaffee“. Hast du schon von ihnen gehört? Sie nennen sich selbst die Anbieter des stärksten Kaffees der Welt. Sie haben den weltweit stärksten Kaffee…

Mike Brown ist der Firmengründer. Er hörte immer wieder die gleiche Frage von Lastwagenfahrern, Bauarbeitern und Menschen mit körperlich anstrengenden Jobs: „Welcher Kaffee ist der stärkste, den du mir machen kannst?“. Die meisten von uns denken jetzt, dass die Erkenntnis aus dieser Frage ist, dass die Kunden stärkeren Kaffee möchten. Aber Brown hinterfragte diesen Wunsch und erkannte, dass sie einfach mehr Koffein wollten. Das ist die logische Schlussfolgerung. Aber warum? Sie brauchen mehr Energie. Auch logisch! Aber warum ist das so?

Wenn man die Zielgruppe kennt, weiß man, dass die Kunden Lastwagenfahrer, Bauarbeiter und Unternehmer sind, die schwer arbeiten und viel leisten müssen. Anders gesagt: Sie möchten sich zu Tode schuften können und das ist genau das, was Brown verkauft. Nicht wahr?

Er ist der Einzige am Markt, der das anbietet. Alle anderen verkaufen nur stärkeren Kaffee, mehr Koffein und mehr Energie. Oft bleiben wir auf einer oberflächlichen Ebene stecken und versuchen, das zu verkaufen. Aber wenn wir diese Haupterkenntnis und unseren Aspirationsanker kombinieren und dabei den gemeinsamen Nenner finden, haben wir im Grunde genommen die Kontrolle über unseren eigenen Kontext. Das ist der Filter, mit dem wir entscheiden, ob eine Idee die Mühe wert ist oder ob wir lieber einem Ratschlag folgen.

Wie sieht deine tägliche Routine aus?

Du meine Güte! Wow. Meine Routine ist überhaupt nicht linear. Wie mein Level an Energie vielleicht schon verrät… Wenn du mich sehen könntest, würdest du eine Menge Gesten sehen. Ich bin ja Italiener. Meine Arbeit folgt dem gleichen Rhythmus und Ablauf. Viele Handgesten und auch viel Gerede. Aber ich versuche mich auf die ein oder zwei größeren Dinge zu konzentrieren, die ich erledigen muss, und teile diese Aufgaben dann in kleinere Abschnitte auf.

Ich versuche am Ende anzusetzen und frage mich: „Welche Schritte muss ich machen oder welche Schritte gehen einem Endresultat direkt voraus?“. Das kann ein bestimmter Moment, ein Zeitpunkt oder einfach nur eine allgemeine Aspiration sein. Es hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab, aber in der Regel kommen dabei die wichtigsten Punkte zum Vorschein, die ich erledigen muss, um das Ziel zu erreichen. Dabei hilft es natürlich, wenn man den Weg bis zum Ziel gerne geht.

Erzähl uns, wie du Evernote verwendest. Hast du eine bestimmte Organisationsmethode oder Struktur für deine Notizen?

Ja. Ich habe sie gerade vor mir. Ich habe einen Hauptnotizbuchstapel namens „Unthinkable“. Mein erstes Notizbuch ist „To-do“. Darin habe ich eine Notiz mit allen wichtigen Aufgaben in einer Checkliste. Fortschritte notiere ich dann direkt darunter. Wenn ich an einer neuen Episode arbeite, kommt das in die To-do-Liste. Meine Ideen für das Marketing rund um die Episode schreibe ich dann in eine separate Notiz darunter.

Mein Leben besteht praktisch aus vier Teilen, die alle übersichtlich in Evernote kategorisiert sind. Da wäre zum einen die Kategorie „Produktion“, die meine Kreationen enthält. Zum anderen habe ich den Bereich „Produkte“. Darin finden sich die Ideen, die ich für meine Zielgruppe entwickle und die einen Mehrwert darstellen. Einige davon bringen mir Einnahmen, andere wiederum nicht. Außerdem gibt es die Kategorie „Vorträge“. Dazu gehören Informationen zu Veranstaltungen, an denen ich teilnehme, sowie zum Publikum. Das Ziel dahinter ist, meine Vorträge und Ideen zu optimieren. Der wichtigste Bereich ist „Gedanken“, denn der fällt mir in unserer verrückten und frenetischen Welt am schwersten.

Es geht um die Frage „Kann ich mir an einem Freitag zwei oder drei Stunden nehmen, um spazieren zu gehen, zu lesen oder, wie wir vorher schon besprochen haben, um mir meine Möglichkeiten zu überlegen? Oder bleibe ich einfach im gleichen Trott?“. Ich mag meinen Trott, daher fällt es auch so schwer, auszubrechen. Aber ich denke gerne an dieses Evernote-Notizbuch, da ich nicht weiß, wo es mich hinführen wird. Es ist eine Art Vorlage für mein Potenzial. Aber nur zu oft lasse ich mich ablenken und arbeite an anderen Dingen. Das ist mein Ablauf. So sehen meine Gedankengänge aus und so organisiere ich mein Gehirn.

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